Das heilsame Band zwischen Mensch und Natur

Biophile Kraft

Als ich mich im Jahr 2001 für mein Biologiestudium entschied, tat ich das, weil ich die Zellen, Strukturen, Organe und Lebensprozesse in Pflanzen besser verstehen wollte. Ich studierte die Physiologie der Bäume, die Fortpflanzung der Pilze und die Prozesse in der Rhizosphäre, also im Grenzbereich zwischen Wurzel und Erdboden. Ich vertiefte mich in Biochemie, Waldökologie und Pflanzensoziologie, um den Lebensraum der Bäume besser zu verstehen. Doch immer, wenn ich den Wald betrat, überkam mich das Gefühl, mit meinem wachsenden biologischen Wissen nur an der Oberfläche dessen zu kratzen, was ich eigentlich durchdringen wollte. Ich spürte diese starke, innere Verbindung mit dem Wald und generell mit der Natur, die auch viele andere Menschen erfahren haben. Ich wollte verstehen, warum es mir so guttat, im Wald zu sein; was der Wald mit mir als Mensch zu tun hatte – und ich mit dem Wald.

Erst als ich mit der Erforschung unserer Verbindung zur Natur begann, hatte ich das Gefühl, bei dem Bereich der Biologie angekommen zu sein, den ich gesucht hatte. Die Biowissenschaft hat mehr zu bieten als Zellbiologie und Petrischalen. Als Wissenschaft vom Lebendigen sollte sie auch an existenzielle Fragen des Menschseins anknüpfen. Ich fing noch als Student an, mich mit dem Konzept der »Biophilie« zu befassen. Diese Liebe zum Lebendigen wohnt nach dem Psychoanalytiker Erich Fromm jedem Menschen von Natur aus inne – und nicht nur dem Menschen, sondern allen Lebewesen. Es ist das innere Band der Lebenden zu allem anderen Lebendigen, eine Kraft, die uns mit dem Netzwerk des Lebens verbindet und ohne die jede menschliche Existenz undenkbar wäre. Diese biophile Kraft wird im Wald und in anderen Naturlandschaften aktiviert. Das spürt man.

Biophilie ist der Schlüssel zur persönlichen und gesellschaftlichen Heilung und zur Heilung unserer problembehafteten Beziehung zur Natur und zum Tierreich.

 

Aufenthalt im Wald

Durch den Begriff der Biophilie hatte ich endlich ein Wort für die Gefühle der Verbundenheit gefunden, die der Wald, die Natur, in mir auslöst. Doch unser Band mit dem Lebendigen birgt ein noch viel größeres Potenzial als den bloßen Wohlfühleffekt. Biophilie ist der Schlüssel zur persönlichen und gesellschaftlichen Heilung und zur Heilung unserer problembehafteten Beziehung zur Natur und zum Tierreich. In unserer Ära der globalen ökologischen Krisen, der Ausbeutung von Lebensräumen und Lebewesen, ist dieser Ansatz zeitgemäß und nicht – wie oft behauptet – „verstaubt“ oder „verträumt“. Als ich 2015 mein öffentliches Engagement als Biologe und Autor für die Themen Waldbaden und Waldmedizin massiv verstärkte, wurde ich zunächst ins Eck des „Esoterikers“ gestellt. Doch wie sehr wir ins Netzwerk der Natur eingebettet sind lässt sich längst wissenschaftlich beweisen. Ich berichtete darüber, wie bioaktive Substanzen der Bäume, sogenannte Terpene und Terpenoide, unser Immunsystem ausbalancieren. Atmen wir sie mit der Waldluft ein, werden unsere natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) aktiviert. Diese weißen Blutkörperchen sind basale Abwehrzellen unseres Körpers gegen alle Arten von Erregern. Schon ein Tag im Wald führt bei Stadtbewohnern zu einer Steigerung der Anzahl und Aktivität der NK-Zellen um 40 Prozent. Zwei Tage im Wald steigern diese Wirkung auf ein Plus von 50 Prozent und es dauert einen ganzen Monat, bis die Anzahl und die Aktivität der NK-Zellen wieder auf den Ausgangswert sinken. Das bedeutet, dass bereits zwei Waldtage pro Monat zu einer dauerhaften Verbesserung der Immunfunktion führen. Mehr noch: Die Terpene und Terpenoide des Waldes führen zu einer vermehrten Produktion einer körpereigenen Herzschutzsubstanz namens DHEA (Dehydroepiandrosteron) sowie der Immunproteine Perforin, Granulysin und der Granzyme. Diese drei Substanzen benötigt unser Immunsystem täglich in der Abwehr von Krebserkrankungen. Oft werde ich gefragt, ob das bedeutet, dass uns der Wald vor Krankheit schützen kann. Dann antworte ich: Wir sollten die Sache etwas komplexer betrachten. Offenbar setzen wir uns durch das moderne Leben gewissen Umweltschadstoffen aus, die die Entstehung von Krankheiten begünstigen können. Zugleich entziehen wir unserer Umgebung durch die Zerstörung unserer natürlichen Lebensräume immer mehr bioaktive Pflanzenstoffe. Dadurch schwächen wir unser Immunsystem und diese Schwächung ist ein Faktor in der Entstehung von Krankheiten. Der Aufenthalt im Wald bringt unser Immunsystem also in eine natürliche Balance und unterstützt unseren Organismus so bei der Gesunderhaltung.

Das liegt daran, dass unser Organismus im Laufe der Evolution auf unsere natürlichen Lebensräume „geeicht“ wurde. Die Subtanzen des Waldes sind unseren Zellen wohlbekannt. Wir haben uns aus der Natur und im Wechselspiel mit dieser entwickelt. Wenn wir uns nun aus diesem Zusammenhang zu lösen versuchen, bringen wir auch unsere organischen Funktionen durcheinander, die im Wechselspiel mit der Umwelt ablaufen. Unser Organismus endet nicht an der Hautoberfläche, sondern ist in einen evolutionsbedingten Funktionskreis mit der Natur eigebettet. Wir können dieses Band mit der Natur nicht einfach durchtrennen, ohne krank zu werden.

Unser Organismus endet nicht an der Hautoberfläche, sondern ist in einen evolutionsbedingten Funktionskreis mit der Natur eigebettet.

 

Der Anblick von Bäumen unterstützt die Heilungsprozesse

Die Biophilie versetzt uns außerdem in die Lage, auf der emotionalen Ebene sofort den Unterschied zwischen einem intakten und einem zerstörten Lebensraum zu spüren. Verwüstete Landstriche und industrielle Monokulturen lassen negative Gefühle in uns entstehen, während intakte Landschaftsformen mit Glücksgefühlen verbunden sind. Eine britische Studie hat gezeigt, dass Spaziergänge entlang von Gewässern in Wäldern signifikant zur Genesung von Depressionen beitragen, während urbane Betonschluchten Depressionen verstärken können. Der Anblick von Bäumen unterstützt die Heilungsprozesse nach Operationen, wie Roger Ulrich bereits in den 1970er-Jahren nachweisen konnte. Bodenmikroben wie das Mycobacterium vaccae wirken bei Kontakt nachweislich stimmungsaufhellend und stimulieren das Immunsystem – ebenso wie negativ geladene Luftionen, die wir im Nahbereich von Wasserfällen einatmen können. Sie entstehen durch die Reibung des herabstürzenden Wassers („Wasserfallelektrizität“). 

Unser Band mit der Natur

Wir sind auf komplexe Weise mit unseren natürlichen Lebensräumen verbunden und jeder ökologische Schaden, den wir auf der Erde anrichten, ist letztlich ein Schaden an unserer eigenen Gesundheit. Wie komplex unser Band mit der Natur ist, lässt sich anhand jüngerer wissenschaftlicher Forschung nur erahnen, denn wir kratzen bei der Erforschung der Natursubstanzen und der psychischen Einflüsse der Natur erst an der Oberfläche. Intuitiv haben Menschen ihre Verbindung mit der Natur – ihre Zugehörigkeit zum Netzwerk des Lebens – jedoch immer schon gespürt. In den letzten Jahren habe ich durch meine Öffentlichkeitsarbeit selbst miterlebt, dass die Erkenntnisse rund um Biophilie immer mehr Gehör erhalten. Anfangs noch als „Esoteriker“ ins Eck gestellt arbeite ich mittlerweile mit Medizinerinnen und Medizinern an Universitäten zusammen. Ich bin mir darüber bewusst, dass viele Menschen keine Wissenschaft brauchen, um ihre Verbindung zur Natur und zu allen anderen Lebensformen zu erkennen. Aber für einen ökologischen Wandel unserer Gesellschaft brauchen wir die wissenschaftlichen Evidenzen, um uns Gehör zu verschaffen. Die Erforschung der Biophilie, des heilsamen Bands zwischen Mensch und Natur, wird dazu beitragen, dass wir uns über kurz oder lang wieder zu unserer Identität als Naturwesen bekennen werden. Und ich hoffe, dass damit auch die Schreckensherrschaft des Homo sapiens über andere Lebensformen ein Ende finden wird.

Clemens G. Arvay

Diplom-Biologe und Buchautor. Er studierte Landschaftsökologie und angewandte Pflanzenwissenschaften in Wien und Graz. Seine Arbeit ist auf die Mensch-Natur-Beziehung fokussiert, wobei er die gesundheitsfördernden Wirkungen des Kontakts zu Pflanzen, Tieren und Landschaften in den Mittelpunkt rückt. 2015 schrieb er das erste deutschsprachige Buch über Waldbaden und Waldmedizin („Der Biophilia-Effekt – Heilung aus dem Wald“).

www.clemensarvay.com

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