Ausbildung in Naturheilkunde und Ethnobotanik - 2. Woche

Storl Ausbildung

Mitsommerzeit

Mittsommer sammelten die Kräuterkundigen traditionellerweise die „Johanniskräuter“. Dabei handelt es sich nicht nur um das offizinelle Johanniskraut (Hypericum perfoliatum), sondern um all die kräftigen Heilpflanzen, welche die volle Kraft der Sonne in sich aufnehmen können und uns zum Wohle zur Verfügung stellen. Zu diesen „Sonnwendbuschen“ gehört die Schafgarbe, die Blüten des Holunders, Quendel (Thymian), Dost, Beifuß, Braunelle, Kunigundenkraut und viele mehr.

Eigentlich sollte man alle Kräuter und Wildpflanzen kennen, die im Garten und rund ums Haus wachsen. Diesem Dictum folgend, lief unsere Gruppe am ersten Tag der Ausbildungswoche zuallererst rund um das Seminarzentrum Sonnenstrahl (in Kisslegg, Allgäu), um zu sehen was da so alles wuchs. Obwohl der Rasen gerade gemäht und das „Unkraut“ gejätet worden war, kamen wir nicht weit. Da gab es einfach zu viel zu entdecken. Das, auf trockenem Kies wachsende, Gottesgnadenkraut (Gratiola officinalis) – eine übrigens schützenswerte, stark im Rückgang begriffene Pflanze – hielt uns eine Weile fest. Heute gilt sie als Giftpflanze, aber einst war sie ein wichtiges Mittel der Humoralpathologie, die anwendet wurde, um „Schleim und Galle, auch ‚Bauchwasser‘ auszuleiten und bei Gicht und Epilepsie eingesetzt wurde; Homöopathen verschrieben es bei Nymphomanie.

Johanniskraut – Hypericum perforatum

Der Geist der Pflanzen

Das Hauptthema dieses Ausbildungsblocks war das „Wesen der Pflanzen“. Was sind Pflanzen und warum können sie uns heilen? Inzwischen wissen wir, dass wir mit der Vegetation, die uns die Luft zum Atmen gibt und uns nährt, eine ko-evolutionäre Beziehung haben, die mindestens 400,000 Millionen Jahre zurückgeht und dass Pflanzen keineswegs die primitiven Lebewesen sind, wie wir in unserer Ignoranz so lange glaubten. Die Avantgarde der botanischen Wissenschaft hat inzwischen erkannt, dass Pflanzen höchst sensibel auf ihre Umwelt reagieren, dass sie mehr Sinne als die meisten Tiere haben und absolute Meister der biochemischen Synthese sind. Sie haben durchaus Heilkräfte, die auch empirisch nachweisbar sind.

Für die Indianer und andere indigene Völker der Welt, sind es nicht die Inhaltsstoffe, sondern die Geister der Pflanzen, die uns helfen gesund zu werden. Das war auch das Thema der Referentin Dr. rer. medic. Sarah Moritz, die interessante Feldforschungen bei den Schamanen und Curanderos in Südamerika durchgeführt hatte und am zweiten Tag der Ausbildung über die indigene Sichtweise von Krankheit, Heilung und Pflanzengeister referierte. Sie hob hervor, dass jede indigene Kultur ein einzigartiges Weltbild besitzt, in dem Ökologie, Überlieferungen, Lebensweise, Heilkunde und Geisteswelt einen in sich geschlossenen Kosmos bilden. Am Nachmittag veranstaltete Sarah einen Workshop für Frauenheilkräuter – auch die Männer durften teilnehmen –, wobei auch praktisch gearbeitet wurde und Kräutertinkturen hergestellt wurden.

 

Gast Referentin Dr. Sarah Moritz führt uns auf eine Reise in das Amazonasgebiet

Hildegard von Bingen und Naturverbindung

Der Referent, der uns am Donnerstag begleitete, war Peter (Pitt) Germann, Gründer der bekannten Heilpflanzenschule PhytAro in Dortmund. Pitt, mit dem ich eine Reise zu den Schamanen und Heilern in der Mongolei und der Baikal-Region unternahm – darüber habe ich in dem Buch Wolfsmedizin, AT-Verlag, 2018 berichtet –, führte uns in die Hildegard-Medizin ein. Auch die neuzeitliche Signaturlehre, die sich weniger auf die chemischen Wirkstoffe bezieht, sondern eher auf die phänomenologischen Aspekte, die psychosomatische Heilungsprozesse auszulösen vermögen.

Wir sind ein Teil der Natur und mit ihr verbunden. Diese Verbindungen aber sind teils so verschüttet- wir sind nicht gebildet, sondern verbildet - das wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Hildegard von Bingen sagt "Der erste Schritt mit der Natur Kontakt aufzunehmen ist Schöpfungsschau. Wir beobachten etwa einen Sonnenaufgang auf einem Hügel nach Osten gerichtet und nehmen die Energie der Sonne auf. Dann spüren wir, dass wir keine besonderen Techniken benötigen, sondern die Natur in uns tragen.

Peter "Pitt" Germann

Unser Bad im Moor

Da wir in demselben Gebäude untergebracht waren und gemeinschaftlich essen konnten – eine hervorragende vegetarische Küche übrigens! – entwickelte sich unter den Teilnehmern eine enge Interessengemeinschaft. In den frühen Morgenstunden nutzten die härtergesottenen unter uns die Gelegenheit in einem naheliegenden Moorsee schwimmen zu gehen. Nebel tanzten wie Wassergeister über dem dunklen Wasser des Sees; ab und zu sah man den Rücken von Welsen an der stillen Oberfläche vorübergleiten. Bei den Ausflügen kam auch die Ethnobotanik nicht zu kurz: Entlang des Ufers wachsen dichte Schilfbestände, sowie die gelbe Teichrose (Nuphar lutea), deren Samen die Menschen der Mittelsteinzeit gerne geröstet aßen; dazu gesellten sich Kolonien des aromatischen Kalmus oder Deutsche Magenwurz (Acorus calamus), die eine mächtige Heilpflanze für Magen- und Bauchspeicheldrüsenbeschwerden ist.     

 

Die Woche ging schnell herum – kurzweilig könnte man sagen, statt langweilig. Ich freue mich schon auf unseren nächsten, den dritten Ausbildungsblock. Da wird es um neuere Erkenntnisse in der Phytotherapie gehen, auch um die Blütenelixiere des Edward Bach und die Planetenzuordnung der Pflanzen, die in der Renaissance und zum Teil noch in der Volksmedizin eine wichtige Rolle spielen.  Als Referenten werden uns im September die Kräuterfrau Ursel Bühring, Autorin und Gründerin der renommierten Freiburger Heilpflanzenschule, und Dr.med. vet. Alexandra Nadig, vom Heilzentrum AnimaPlanta, uns begleiten. Schwimmen gehen werden wir sicherlich auch wieder und am Abend am Feuer sitzen, Lieder singen und Märchen lauschen.

Einen schönen Sommer wünscht Euch

Euer

Wolf-Dieter

Wolf-Dieter Storl

Dr. phil. Wolf-Dieter Storl, geboren 1942, ist Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Er lehrte als Dozent an verschiedenen Universitäten, unternahm zahlreiche Studienreisen, ethnografische und ethnobotanische Feldforschungen und veröffentlichte Artikel und Bücher, darunter mehrere Bestseller. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem Einödhof im Allgäu, wo er gärtnert und den Geheimnissen der Natur, Heilkräuter und Wildpflanzen nachgeht.

www.storl.de

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