Andorn- alte Heilpflanze neu entdeckt

Andorn - alte Heilpflanze neu entdeckt

Die Geschichte des Andorn

 Andorn, Marrubium vulgare

Aufgrund seiner herausragenden historischen Bedeutung und der umfangreichen Dokumentation seiner Wirkungen hatte der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg den Andorn zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gewählt, eine Pflanze, die außerhalb von Fachkreisen hierzulande kaum bekannt ist. Ein Lippenblütler, der von der Antike bis weit in die Neuzeit zu den wichtigsten Arzneipflanzen Europas gehörte und dessen Einsatz bei Katarrhen der Atemwege und bei Verdauungsbeschwerden heute wie damals gerechtfertigt ist.

Wenn man in die Geschichte schaut, kann man sich kaum vorstellen, dass Andorn heute zu den vergessenen Pflanzen gehört und so selten verwendet wird. Dabei galt Andorn schon während des jüdischen Pessachfestes als eines der fünf stärkenden, bitteren Kräuter.  Bei den alten Ägyptern und Römern war er ein bewährtes Mittel gegen Atembeschwerden; der Militärarzt Dioskurides verwendete ihn bei Schwindsucht und Asthma. Im Lorscher Arzneibuch (um 750) ist er gegen zahlreiche „Malhaisen“ vertreten, z.B. in einer Mischung mit Ingwer, Ysop und Honig für Patienten mit chronischem Husten, vor allem für jene die „alle Hoffnung schon aufgegeben haben“. Kurz darauf schrieb Walahfrid Strabo über den bitteren Andorn: „…Freilich er brennt gewaltig im Mund und schmeckt weitaus schlechter als er riecht. …, lindert aber quälende Beklemmung der Brust, wenn man ihn als bitteren Trank einnimmt“. Paracelsus, der große Naturheilarzt im 16. Jh. bezeichnete ihn unmissverständlich als „Arzt der Lunge“. Bis zu den Kräuterpfarrern Kneipp und Künzli im vorigen Jahrhundert war Andorn zur Behandlung der Tuberkulose geschätzt, sicher auch weil Bitterstoffe tonisieren und kräftigen. Die moderne Ethnomedizin berichtet vom Gebrauch unter Albanern, die bei vielerlei „Wehwehchen“ erst einmal den ihnen besonders wichtigen Andorntee trinken: manches Leiden ist dann gelindert oder entwickelt sich erst gar nicht. Sie kochen ihn 5-10 Min. mit einem Lorbeerblatt und einer Feige zusammen – das schmeckt köstlich!

Jeder weiß: bitter ist gesund. Doch Bitter ist nicht nur fürs Bier gut, auch für die Verdauung, das Herz und die Stimmung, ja für ein längeres Leben. „Ad longam vitam“: für ein langes Leben, nannten unsere Vorfahren Lebenselixiere, die sie aus der bitteren Medizin entwickelt hatten. Andorn hat viel davon, das bezeugt sein Name: „Marrubium“ , aus dem hebräischen von „mar: bitter und rob: viel“: sehr bitter also! Viel Bitteres steckt im Andorn – kein Wunder wurde er früher zum Bierbrauen benutzt und hieß in südlichen Gegenden Berghopfen.

 

Heilpflanzen werden schon seit der Steinzeit angewendet

Herkunft und Ernte

Marrubium stammt aus Südosteuropa, vom Mittelmeergebiet bis nach Zentralasien, und wurde durch die Jahrtausende lange Verwendung als Heilkraut bis nach Nord- und Südamerika verbreitet. Seine runzeligen Blätter mit ihrem filzig-weißen Verdunstungsschutz zeichnen die Pflanze aus als Bewohner trocken-warmer Standorte. Heute ist er bei uns nur sehr selten zu finden, wenn, dann auf sonnigen trockenen Magerrasen oder auf Schutthalden. Er gehört zu den stark gefährdeten Arten und darf wild nicht gesammelt werden (rote Liste). Deshalb am besten selbst anbauen: Andorn liebt Sonne samt Windschutz und lockeren, trockenen mageren, auch steinigen Boden.  Die Samen April bis Mai aussäen und nur ganz leicht mit Erde bedecken und immer feucht halten. Oder, noch einfacher, Jungpflanzen im Frühjahr oder Herbst im Abstand von 30 cm einpflanzen. Das Gute ist: er breitet sich schnell aus und wird nur selten von Schädlingen befallen, vor allem wenn er unter Obstbäumen gepflanzt wird: seine Bitter- und Gerbstoffe wehren sie gekonnt ab.

Zwischen Juni und September entfalten sich am oberen Stängelabschnitt in kugeligen Scheinquirlen seine kleinen weißen Lippenblütchen . Sie fallen auf durch ihre steil aufgerichtete zweizipfelige Oberlippe und dem Kelch, zehnzähnig, mit hakenförmig gebogenen Spitzen. Diese verhaken sich gerne in Fellen vorbeistreifender Tiere und nutzen die behaarte Tierwelt als Taxi für die Verbreitung ihrer Früchte. Wahrscheinlich leitete man daraus den mittelalterlichen Namen «An-Dorn» ab.

Ernten: Von Juni bis August die oberen 10 cm der Pflanze der blühenden Pflanze; rasch und unzerkleinert im Schatten trocknen und aromageschützt aufbewahren.

 

 

 

 

 

 

 

Bei Erkältungskrankheiten und Verdauungsbeschwerden ein wichtiges Heilmittel.

Die Andorn Apotheke

Wie so oft macht die Wirkung die Gesamtheit seiner Inhaltsstoffe aus; Pflanzen sind eben Vielstoffgemische. Neben seinen vielgerühmten Bitterstoffen (u.a. Marrubiin) enthält er bis 7 % Gerbstoffe und wenig ätherische Öle. Weiterhin Saponine, zellschützende Flavonoide, Cholin, Harze, Schleimstoffe und reichlich Kalium und Calzium. Somit wird Andorn vor allem bei Atemwegs- und Verdauungsbeschwerden eingesetzt.

Bei Erkältungskrankheiten nutzt man die sekretlösenden Eigenschaften der Bitterstoffe, Saponine und ätherischen Öle. Vor allem das bittere Marrubiin aktiviert die Sekretion der Atemwegsdrüsen, verflüssigt mithilfe der Sapoinine und ätherischen Öle den zähen Bronchialschleim und erleichtert das Abhusten – Andorn wirkt auswurffördernd. In Verbindung mit den keimwidrigen ätherischen Ölen wirkt Andorn auch entkrampfend, gefäßerweiternd, leicht fiebersenkend, abwehrstärkend und gegen Atemwegserreger. Besonders empfehlenswert ist das allgemein kräftigende Tonikum bei chronischer Bronchitis älterer, geschwächter, erschöpfter Menschen, bei Keuchhusten zum Ausheilen und bei Asthma zum Stärken. Übrigens auch zur Begleitbehandlung der Fieberschübe bei Malaria, das nutzt man seit langem. Bitter kräftigt den erschöpften Körper.

Bei Verdauungsbeschwerden spürt man schnell die in der Pflanze enthaltene „bittere Medizin“. Insbesondere das Marrubiin regt die Verdauungssäfte, vor allem den Gallensaft an und entkrampft zusätzlich den Magen-Darmtrakt. Neben dem bitterkräftigen Tee kann man auch gallefördernde, kräftigende, appetitanregende Weine und Bitterliköre mit Andorn selbst ansetzen – und bald das eigene „Lebenselixier“ genießen. Aufgrund der bakteriziden, zusammenziehenden Gerbstoffe und ätherischen Öle lindert Andorn auch  Durchfallerkrankungen.

Äußerlich kann man Andorn zum Gurgeln bei Mund- und Rachenentzündungen und zur Wundbehandlung einsetzen.

Eine positive Monografie vergab die Kommission E für Katarrhe der Luftwege, zur Unterstützung der Schleimlösung im Bereich der Atemwege. Bei Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und Blähungen. Nebenwirkungen/Gegenanzeigen: Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch nicht bekannt. Tagesdosis: 4,5 g Droge, 2-6 EL Presssaft. Als Tee, Frischpflanzenpresssaft, Tinktur (1:5), Bitterwein.

Andorntee: 1 TL (1 g) geschnittenes Andornkraut mit 1 Tasse heißem Wasser übergießen, 7 Min. ziehen lassen und abgießen. 2–3 × tägl. 1 Tasse 30 Min. vor den Mahlzeiten trinken bei Verdauungsbeschwerden oder zum Appetitanregen. Als schleimlösendes Mittel bei Husten mehrmals täglich 1 Tasse.

Albaners „Allerheiltee“: 5 TL Andornkraut mit 1 Lorbeerblatt und 1 Feige zusammen 7 Min. kochen, abgießen und genießen: ein Tee, der überraschend gut schmeckt!

Asthma-Begleittee: Je 30 g Andornkraut, Fenchelsamen, Thymianblätter. 3mal tgl. 1 TL der Mischung mit heißem Wasser anbrühen, 5 Min. ziehen lassen und ungesüßt oder mit Honig gesüßt nach den Mahlzeiten trinken, 3-4 Wochen lang während attackenfreier Phasen.

Andornwein: 20 g getrocknetes Andornkraut in 500 ml Südwein (17-20 %) 1 Woche lang ausziehen, öfter schütteln, danach abgießen. 1-3 EL/Tag einnehmen als appetitanregendes galletreibendes Mittel, zur Stärkung bei Fieber und Husten.

Andornhonig, abgewandelt nach einem Rezept aus dem Lorscher Arzneibuch (um 750 n.Chr.) für Menschen mit chronischem Husten: In 250 ml Honig 2 EL Andornblätter, 1 EL Ysopblätter und 2 EL frischen Ingwer klein geschnitten einfüllen. 2 Wochen ziehen lassen und abfiltern. 3-5-mal tgl. je 1 TL Andornhonig in Hustentee einnehmen.

Ursel Bühring, Hp.

Die bekannte Fachfrau für Heilkunde in Deutschland ist Heilpraktikerin, Krankenschwester, Natur- und Umweltpädagogin, Autorin und Dozentin zum Themenbereich Heilpflanzen und Phytotherapie. 

Als Gründerin der ersten Heilpflanzenschule Deutschlands (1997) entwickelte sie ein eigenes Lehrkonzept (Curriculum) und Lehrmaterial (“U. Bühring: Praxis-Lehrbuch Heilpflanzenkunde”), das heute vielen Institutionen als Grundlage für den Phytotherapie-Unterricht dient, und viele Standardwerke rund um das Thema Pflanzenheilkunde. Ihr Wahlspruch ist: „Schau hin, aber schau genau hin“.

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